Odyssee-Con

Berlin, 25. bis 27. August 2006

Der >Odyssee-Con< jährte sich im August 2006 zum zehnten Mal. Das allein ist schon Grund genug, ein paar Worte darüber zu schreiben.
Diese Spielveranstaltung mit ihrem ganz eigenen Charme richtet sich vor allem an diejenigen, die ihrer Rollenspiel-Leidenschaft in kleinen gemütlichen Runden – und doch mit vielen anderen unter einem großen Dach – frönen möchten. Hier geht beides. Sich in seine Runde zurück ziehen und sich im großen Kreise Gleichgesinnter auszutauschen.
Dabei hebt sich die Odyssee ganz klar von vielen anderen Veranstaltungen ab. Denn hier wird sich eher auf unbekannte, kleinere und von Einzelpersonen/kleinen Gruppen selbst gemachten Spielsystemen konzentriert. Es darf demnach aktiv und kreativ mitgewirkt werden. Nicht nur dabei sein, sondern auch tatsächlich mitmachen!
Die Veranstalter verzichten ganz bewusst auf die größten und bekanntesten Spielsysteme wie DSA, D&D und Shadowrun, um ihren unverwechselbar eigenen Charme zu erhalten.
„Wasser“ war in diesem Jahr das Thema und der Leitfaden durch die gesamte Veranstaltung. Auch Petra Hartmann, Oliver Hohlstein und Ulrike Stegemann haben sich in ihrer Odyssee-Lesung mit dem nassen Element auseinander gesetzt ...

Eine Fahrt zur Odyssee ...
Reise-Impressionen von Petra Hartmann - Samstag, 26. August 2006

Grausam, wie früh 8 Uhr morgens sein kann. Draußen ist es noch stockfinster, ich bin schon vor anderthalb Stunden vom Wecker und von meinem Vater aus dem Bett geschmissen worden, aber richtig wach bin ich immer noch nicht, als ich meinen Micra durch die dunklen Gassen von Gronau rollen lasse. Im CD-Player liest Rolf Boysen die „Äneis“, total unpassend, es hätte natürlich heute die „Odyssee“ sein sollen, egal. Endlich entdecke ich die beschriebenen Wegweiser und daneben das Haus, und auf dem Namensschild steht tatsächlich „Stegemann“. Gefunden.
Ulrike öffnet die Tür und sieht mal wieder bezaubernd aus. Zwei blaue Stricknadeln im Haar, oder sind das Essstäbchen? Dazu eine hellblaue Tasche, passend zu unserer Lesung. „Wasser“ heißt das Thema. Schade, dass ich meinen alten zerknautschten Elbsegler partout nicht finden konnte. Die aus der Form geratene Mütze, die mich seit fast 20 Jahren über die Weltmeere begleitet, wird also bei meinen maritimen Märchen fehlen, und ich muss barhäuptig lesen.
Da ich ab jetzt einen Lotsen habe, gebe ich die Verantwortung für unser Ankommen auf der Odyssee vertrauensvoll ab. Ulrike weiß ziemlich genau, wie man zum Bahnhof findet. Und ihr Spickzettel von der Bahn scheint auch zu funktionieren, der Zug ist pünktlich, das Umsteigen klappt auch, und nur einmal müssen wir zwei Jugendliche von unseren reservierten Plätzen scheuchen.

„Wie war es eigentlich letztes Jahr mit der Lesung auf dem Con?“
„Ach ...“
Eigentlich wollte ich über diese grausamen Szenen den Mantel der Liebe decken. Als Oliver Hohlstein und ich im Raum, der inzwischen „Biotop“ heißt, unsere Bücher ausgelegt und uns mental aufs Lesen eingestellt hatten, war nämlich nur ein einziger Zuhörer gekommen. Wir haben uns schließlich zu einer Gruppe auf den Hof gesetzt und ein paar von Olivers Freunden „zwangsverpflichtet“. Und dann habe ich auch noch – mit einem leidenschaftlich vorgetragenen Schmerzensschrei in der Geschichte „Flarics Hexen“ – ein Baby zum Weinen gebracht. Als welterfahrener Odyssee-Besucher warne ich Ulrike vor dem „Feuertopf“, der mich letztes Jahr fast das Leben gekostet hat, und sonne mich in ihrer Bewunderung für mein profundes Wissen.

Am Bahnhof Zoo erwartet uns Kerstin Dirks. Eine Kollegin, die ich bisher bloß von einem Foto aus dem Internet und natürlich aus Ulrikes Zeitschrift „Elfenschrift“ kenne. Toll, wie sich diese Berliner im U-Bahn-System auskennen. Kerstin bahnt uns den Weg zum „Haus der Jugend“, und als ich oben aus dem Fenster Oliver herausschauen sehe, atme ich erleichtert auf. Geschafft. Und es ist noch gut eine halbe Stunde Zeit bis zur Lesung.

Kollegin Kerstin Dirks wartet schon gespannt auf den Beginn der Lesung ...

Das Wunder von Berlin: Die ersten Zuhörer ...  

Als unverbesserlicher Optimist, der ich nun mal bin, habe ich eine Bücherkiste mitgebracht, mit der wir einen Tisch bestücken. Ein paar Stühle umstellen. „Denkt an eure Handys“. Oh ja, letztens auf dem Nordcon in Hamburg ist Ulrikes Handy genau bei der Lesung losgegangen. Ihr Blick – unbezahlbar. Fertig.

Und plötzlich passiert es – das Wunder von Berlin. Die Tür geht auf, und ein Zuhörer schaut rein. Mit Kerstin sind es schon zwei. Hundert Prozent Steigerung gegenüber dem Vorjahr. Und noch einer, und noch einer. Uuups, jetzt reichen nicht mal die Stühle mehr, und die erste Teilnehmerin nimmt auf dem Boden Platz.

Oliver sagt etwas Nettes zur Einleitung, vorstellen wollen wir uns selbst, was sagt man da eigentlich? Ich glaube, ich habe meinen Namen gesagt und dass ich aus Sillium komme. Und dann wohl meinen Standardspruch: „Für alle, die nicht wissen, wo Sillium liegt: 52 Grad 4 Minuten nördlicher Breite und 10 Grad 10 Minuten östlicher Länge.“ Damit dürfte alles klar sein.

Märchen zum Thema „Wasser“ hatten wir uns als Motto gesetzt. Weil der Con auch unter dem Motto „Wasser“ stand. Und wir haben uns in fünf von sechs Märchen sogar daran gehalten.

Die drei Vorleser.

Oliver hat "Die Prinzessin von Pampelmusien" vorgelesen (eine meiner Lieblingsgeschichten von ihm – und Pampelmusensaft ist ja fast so was wie Wasser, oder?) und ein noch unveröffentlichtes Märchen über einen Feuerzwerg und seinen Freund, einen Wassergeist. Ulrike hatte eine Geschichte über das Wasser des Lebens mitgebracht und stellte einen Text aus der Elfenschrift über eine schaurige Meerhexe vor. Ich hatte "Ein Schiff für Hinnerk Himmelblau" aus der Koboldsanthologie im Gepäck und las das Märchen aus "Der Leuchtturm am Rand der Welt", ein Märchen aus dem ersten Kapitel von „Ein Prinz für Movenna“, das ich erstmals bei einer Lesung "an lebenden Menschen" ausprobiert habe. Mein Fazit zu diesem Text: Die Probefahrt ist gelungen, aber ein paar Ecken sind mir beim Lesen aufgefallen, die werden jetzt noch abgeschliffen. Ich habe ja auch noch bis zum Herbst 2007 Zeit, wenn das Buch erscheinen soll.

„Jetzt könnt ihr Fragen stellen“, gab Oliver nach der Lesung den Ring frei zum Löchern der Autoren. Wie Ulrike zu ihrem Pseudonym „Emilia Jones“ gekommen ist, wollte eine Zuhörerin wissen. Und plötzlich stürzten sich alle auf den Büchertisch und wollten etwas von uns mit nach Hause nehmen. Damit hatte keiner gerechnet. Ich muss wohl ziemlich blöd ausgesehen haben, als ich permanent Kopfrechnen übte und nach Wechselgeld jammerte. Oliver hatte nur sein eigenes Leseexemplar von „Noch mehr Gute Nacht Geschichten“ dabei, doch selbst das hat jetzt einen neuen Besitzer. Und Ulrike fand ein paar neue Fans für ihren Vampirroman „Club Noir“ und die „Elfenschrift“.
Später erfuhr ich von Oliver, dass die Zuhörerin, die Ulrike nach ihrem Pseudonym gefragt hat, Isabell Popesu heißt. „Sie wurde sozusagen von mir höchstpersönlich verpflichtet, zuzuhören“, gestand er. „Na ja, nicht ganz; ich hab sie nur auf die Lesung hingewiesen und sie meinte, dass sie dabei sein würde.“ Allerdings behauptet er steif und fest, dass sie die einzige war, die er „zwangsrekrutiert“ hatte.

Petra und Oliver schreiben fleißig Autogramme ... 

Und sonst? Der Feuertopf, der mich letztes Jahr fast umgebracht hätte, ist diesmal von einem echten Weichei zusammengerührt worden und hat richtig milde geschmeckt.
Vom Programm haben wir uns danach noch die Filmvorführung zu Gemüte geführt. Es gab zwei Kurzfilme, "Der Spieler" (sehr atmosphärisch, gut gemacht) und "Elephant's dream" (technisch ganz toll, ein 3-D-Trickfilm mit Superbildern, aber ich habe die Geschichte nicht richtig verstanden, lag vielleicht an meinen verkümmerten Englisch-Kenntnissen. Und was zum Henker hatte das mit Elefanten zu tun???). Schließlich rief Olivers Spielleidenschaft – seine Spielrunde begann, und wir trennten uns, nachdem er uns noch ein paar Lose für die Tombola verkauft hatte. Na ja, ich habe bei so was noch nie gewonnen.
Abends haben wir noch ein paar Buchläden heimgesucht, unter anderem im >Steglitzer Schloss<, für das ich gern mehr Zeit und einen wacheren Geist gehabt hätte. Danke an Kerstin für den Tipp. Beim Thailänder habe ich diesmal keine Gruselgeschichte aus Springe erzählt. Obwohl es mir schwer fiel. Immerhin lief bei uns gerade der „Vietnamesen-Prozess“ um einen Kellner eines China-Restaurants in Bennigsen, der fast gehäckselt wurde. Wenn der in das Huhn mit acht Kostbarkeiten geraten wäre ...

Abends beim Thailänder ... 

Kerri und Ulli haben sich dann auch schon mal "fachmännisch" über das neue Sonderheft ausgetauscht ... 

Auf der Rückfahrt noch anderthalb Stunden Aufenthalt in Hannover (Zugverspätung inklusive), dann eine nächtliche Autotour mit den letzten Gesängen der Äneis über die Dörfer, so dass ich gegen 1 Uhr morgens in Sillium aufschlug und ins Bett fiel. Nächstes Jahr geht es wieder auf die Odyssee.

Text: Petra Hartmann und Ulrike Stegemann · Fotos: Kerstin Dirks